Guerilla Travel – Zu Besuch auf der RAW 2015

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Das neue Schlagwort in der Weinszene heißt „Naturwein“. Weine, die ohne Zusätze und ohne Schönung in die Flasche gefüllt werden. Kaum bis gar kein Schwefelzusatz, keine Filtration und Fokus im Weinberg und nicht im Keller. Kurz und knapp „vergorener Traubensaft“, so wie es schon vor tausend Jahren gemacht wurde. Dass diese Weine gerade aus einer sehr kleinen Niesche hervorsteigen, bewies am Wochenende die gut besuchte Naturwein-Messe „RAW“ in Berlin.

 

Wo auch sonst können Nischen-Produkte auf ein begeistertes Publikum stoßen, als in der Berliner Markthalle Neun. Einen ganzen Tag konnten interessierte Hobby-Weintrinker, Fachhändler und Gastronomen dem neuen Phänomen auf den Grund gehen. Über 100 Winzer aus Frankreich, Spanien, Italien, Deutschland, Österreich, Georgien, oder Slovenien waren angereist, um ihre Produkte, ihre Arbeitsweise und ihre Philosophie an die Scharen der durstigen Besucher weiterzugeben. Wie nicht anders zu erwarten, erwies sich das Probieren und Kontaktieren der Winzer und deren angebotenen Weine, als kaum Möglich.

 

Kaum ein Schluck ohne Ellenbogen im Kreuz und kaum ein Satz, der vor dem Geräuschepegel ins Ohr des Winzers landete. Zu Anfang gelang es noch mit dem ein, oder anderen Winzer zu sprechen und einigermaßen in Ruhe die Weine zu probieren und vor allem wieder auszuspucken. Eine unabkömmliche Sache, die davor bewahrt all zu schnell dem Alkohol zu erliegen. Dies war um 12 Uhr schon kaum mehr möglich, da es die Möglichkeit zu spucken kaum gab. Weder die Winzer hatten eigene Spucknäpfe, noch waren die öffentlichen „Spucktonnen“ in geeigneter Anzahl verfügbar, oder es war einfach kein Rankommen. Also schluckte ich!

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Ich schluckte im Burgenland, in Barcelona, in Tschechien, in Georgien und in Franken. Alles war dabei. Weine von unglaublicher Intensität, neuen Geschmackserlebnissen und enormer Eleganz bis zu untrinkbar. Ich will natürlich keine Namen nennen, aber manchen Weinen würde eine eventuelle Schwefelung, oder der ein, oder andere Kniff im Keller ganz gut tun. Natürlich sind Weine, die ohne alles auskommen und auch noch bombenmäßig schmecken und großen Trinkspaß generieren absolut empfehlenswert, aber wenns nicht schmeckt, dann machts ja irgendwie keinen Sinn.

 

Es liegt aber nahe, dass Weine die „Himmel auf Erden“, „Wein der Stille“, oder „Zauber des Verzichts“ heißen, genau in dieser Rummel-Stimmung nicht funktionieren. Vielleicht kann der georgische Amphorenwein am Kaminfeuer, gepaart mit einer Käseplatte, erstaunlich gut schmecken. Vielleicht schmeckt der katalanische Cava gar nicht so geil, sondern hat mich nur umgehauen, weil ich a.) schon einen sitzen hatte, oder weil es b.) einer der wenigen Momente war, wo ich an einem Stand in aller Ruhe sprechen und probieren konnte.

 

In dieser kurzen Zeit konnte man sich zwar einen kleinen Überblick verschaffen, was „Naturwein“ zu bieten hat, was dahintersteht und wie solche Weine schmecken können. Gerecht wurde die Messe dem Thema jedoch aus meiner Sicht nicht. Wer sich etwas mehr und tiefer mit diesem Thema beschäftigen möchte, dem empfehle ich geeignete Händler, oder die ein, oder andere Weinbar in Berlin. Hamburg hängt bis jetzt leider noch etwas hinterher.
Die Weine in Ruhe auf sich wirken lassen, hinschmecken, drüber diskutieren und schlucken! So geht halt echtes Wein trinken. Aber darüber lässt sich bestimmt genauso streiten, wie über Geschmack und Messen.

 

von Olaf Deharde